Serien/Andenken

Andenken
Familienarchiv, Erinnerung
und kulturelles Erbe
In der Serie „Andenken“ arbeite ich mit familiären Archivfotografien und übertrage sie in eine zeitgenössische Bildsprache. Durch Giclée, Stickerei, Acryl und malerische Eingriffe entstehen Werke, in denen alte Fotografien nicht nur bewahrt, sondern künstlerisch weitergeführt werden.
Gestickte Blumen, Ornamente und textile Spuren greifen Details von Kleidung, Kopfbedeckungen und häuslichen Textilien auf. Sie verbinden das fotografische Bild mit Handarbeit und machen sichtbar, wie Vergangenheit durch Material, Muster und Farbe neu gegenwärtig wird.
Werke der Serie
· Giclée · Stickerei · Acryl
· Familienarchiv · Erinnerung · Tradition
· Serie

Großmutter Polya
Giclée, Stickerei · 120 × 50 cm · 2023

Urgroßmutter Anastasia mit ihren Brüdern und Schwestern
Giclée, Stickerei, Acryl · 100 × 73 cm · 2023

Oma Polya und kleine Vera
Giclée, Stickerei · ø 80 cm · 2023

Hochzeit von Pelageya und Wassili Isotjew
Giclée, Stickerei, Acryl · 100 × 140 cm · 2023

Großvater Vasya
Giclée, Stickerei · 56 × 75 cm · 2023

Urgroßmutter Anastasia und Urgroßvater Andrei Makhotkin
Giclée, Stickerei · 117 × 80 cm · 2023

Elena
Giclée, Stickerei, Acryl · 100 × 70 cm · 2023
Die Serie „Andenken“ versteht das Archiv als lebendigen Raum
zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Hintergrund Informationen zu meinen Arbeiten
Diese Texte öffnen eine zweite Ebene der Serie. Es geht mir nicht nur um alte Fotografien, sondern um den Versuch, meinen eigenen Vorfahren näherzukommen – und über ihre Geschichten auch meine eigene Identität besser zu verstehen.
Die Hexe
Diese Geschichte gehört zum Porträt meiner Urgroßmutter Anastasia, die in der Familie Nastyura genannt wurde. Über sie erzählte man, sie sei eine Hexe gewesen und mit einem bösen Geist in Verbindung gestanden. Beweise dafür gab es nicht, aber in der Familie und im Dorf lebten diese Gerüchte weiter.
Als Nastyura im Sterben lag, hieß es, der Dämon lasse sie nicht los und fordere die Weitergabe seiner Macht. Besonders die jüngste Tochter Raisa sollte nicht in ihre Nähe kommen. Während die Söhne Wassili, Michail und Alexander mit ernsten Gesichtern am Bett standen, saß Raisa am Fenster und blickte auf das unfertige Haus. Sie durfte sich nicht von ihrer Mutter verabschieden.
Man erzählte, das Haus sei nicht zufällig auf einer Weide gebaut worden, abseits der Blicke der Menschen. Auch dass alle drei Söhne lebend aus dem Krieg zurückkehrten, wurde von manchen als Zeichen einer besonderen, unheimlichen Kraft gedeutet.
Kurz vor ihrem Tod soll Nastyura geflüstert haben, dass diese ganze Teufelei mit ihr enden werde. Ihre Tochter solle kein bitteres Erbe tragen müssen. Nach altem Glauben legte man sie auf den Boden und öffnete den Schieber im Ofen, damit die Seele den Weg hinausfinden konnte. Erst dann seufzte sie erleichtert und starb.
In demselben Moment, so erzählt die Familiengeschichte, stürzten die Balken des im Bau befindlichen Hauses ein. Die Anwesenden deuteten es als Wut des Dämons. Dennoch wurde Nastyura, da es keine Beweise für Hexerei gab, auf dem Friedhof und nach christlichem Brauch bestattet.
In der Serie „Andenken“ wird diese Geschichte nicht als Beweis oder Urteil erzählt, sondern als Teil einer überlieferten Familienerinnerung. Das Porträt von Urgroßmutter Anastasia bewahrt eine Figur, die zwischen Angst, Mythos, weiblicher Stärke und persönlicher Herkunft weiterlebt.
Weiter lesen +Mutter Gottes, der Teufel und fast ein Tribunal
Diese Geschichte gehört zu den Arbeiten über Elenas Großvater Wassili, einen einfachen Soldaten. In der Familie wurden über ihn mehrere „seltsame“ Erlebnisse erzählt, die sich zwischen Krieg, Erschöpfung, Glauben und überlieferter Erinnerung bewegen.
Einmal mussten Wassili und ein älterer Kamerad noch vor Tagesanbruch eine Nachricht ins Hauptquartier bringen. Sie gingen nachts über Felder, auf denen am Tag zuvor heftig gekämpft worden war. Vor Müdigkeit legten sie eine kurze Pause ein. Der Kamerad döste, Wassili blieb wach.
In der klaren Nacht bemerkte er plötzlich eine Wolke, die sich langsam dem Boden näherte. Daraus trat, so erzählte er später, die Muttergottes in blauen Gewändern hervor und ging über das Feld zwischen den Gefallenen. Wassili traute seinen Augen nicht und weckte seinen Kameraden, damit er diese Erscheinung nicht allein sehen musste. Beide deuteten die Vision später so, als würde die Muttergottes die Toten nach orthodoxem Brauch der Erde übergeben.
Eine andere Erinnerung erzählt von einem Vorfall im Infanteriehauptquartier. Wassili hielt Wache, und es war streng verboten, den Posten zu verlassen. Plötzlich erschien ein Offizier, löste ihn scheinbar vom Dienst ab und führte ihn weg. Erst unterwegs bemerkte Wassili, dass etwas nicht stimmte: Der „Offizier“ hatte Hufe. Wassili schoss auf den Teufel, doch dieser war bereits verschwunden.
Später wachte Wassili in einem Keller auf, knietief im Wasser, mit dem Gewehr in der Hand. Weil er seinen Posten verlassen hatte, drohte ihm beinahe ein Tribunal. Aufgrund seines guten Dienstes wurde ihm der Vorfall jedoch verziehen.
Diese Geschichte zeigt, wie sich in den Familienerinnerungen Kriegserfahrung, religiöse Bilder, Angst und Überleben miteinander verbinden. In den Arbeiten über Großvater Wassili wird nicht nur ein einzelnes Leben bewahrt, sondern auch eine überlieferte Erinnerung an Glauben, Gefahr und die fragile Grenze zwischen Wirklichkeit und Vision.
Weiter lesen +Warum „Andenken“?
Das Projekt „Andenken“ beginnt mit meiner eigenen Familiengeschichte. Ich sammle persönliche Chroniken, Fotografien und überlieferte Erzählungen, weil ich meinen Vorfahren näherkommen möchte. Für mich sind sie keine fernen Namen aus der Vergangenheit, sondern Menschen mit eigenen Stimmen, Erfahrungen und Schicksalen.
Durch die Beschäftigung mit meinen Wurzeln hat sich auch mein Blick auf mich selbst verändert. Ich erkenne in den Familiengeschichten Spuren von Charakter, Mut, Offenheit, Reiselust und Widerstandskraft. Kosaken, Siedler, Händler, Heilerinnen, Näherinnen, Krieger und Zauberinnen – all diese Figuren gehören zu einem vielschichtigen Erbe, das meine eigene Identität mitprägt.
In „Andenken“ versuche ich, diese Verbindung sichtbar zu machen. Die Arbeiten sind nicht nur Erinnerungsbilder, sondern ein persönlicher Versuch, meine Vorfahren kennenzulernen, ihre Geschichten weiterzutragen und über sie auch einen Teil meiner eigenen Persönlichkeit besser zu verstehen.
Weiter lesen +Werden Erinnerungen als Material
In „Andenken“ wird Erinnerung selbst zu einem Material. Alte Fotografien, Stoff, Stickerei, Muster und malerische Eingriffe treten miteinander in Dialog. Was früher dokumentarisch war, wird zu einem neuen künstlerischen Bildraum.
Die Arbeiten fragen danach, was von einer Familiengeschichte bleibt: Gesichter, Kleidung, Gesten, Ornamente, Erzählungen – und jene leisen Spuren, die nicht vollständig erklärt werden können, aber dennoch weiterleben.
Weiter lesen +Nächste Serie: Flaschbulb Memories →
Möchten Sie Ihre eigene Familiengeschichte künstlerisch bewahren?
„Andenken“ ist als vollständige Serie auf Anfrage erhältlich. Die Arbeiten zeigen, wie familiäre Erinnerung, Archivbilder und textile Spuren zu einem lebendigen künstlerischen Projekt werden.
Auf Anfrage entwickle ich individuelle Arbeiten, in denen Familiengeschichte, Erinnerung und Herkunft in eine zeitgenössische Bildsprache übertragen werden.
E-Mail: info@elenabaurecht.at
Telefon: +43 650 7132026
